Minigeschichten

Beobachtet und aufgeschrieben für die Berliner Illustrierte Zeitung, das Wochenend-Magazin der Berliner Morgenpost

Donnerstag, 1 Uhr, im Taxi, Mitte.

Eh' nicht der letzte Tanz getanzt, ist die Nacht nicht vorbei. Diese Erkenntnis bereichert seit letztem Samstag den Erfahrungsschatz einer guten Freundin. Erschöpft von einer langen Clubnacht steigt sie in ein Taxi. Der Fahrer hört Klassikradio, entspannt lehnt sie sich zurück. Nach einigen Minuten erklingt der Donauwalzer und er seufzt: 'Schade, dass ich nicht Walzer tanzen kann.' Sie kann, Tanzstunde sei Dank. Übermütig entgegnet sie: "Ach, das ist gar nicht so schwer." Er: "Bringen Sie's mir bei?" Sie lacht unbestimmt. Als sie vor ihrer Wohnung halten, steigt er aus, öffnet die Wagentür und reicht ihr galant die Hand. Sie steigt aus, nimmt Tanzpositur ein und zeigt ihm den Walzerschritt. Er macht es nach und dann tanzen sie mitten auf der Straße ihren ersten Walzer.


Sonntag, 2 Uhr, Nachtbus-Haltestelle, Neukölln.

Ich sitze im Nachtbus am Hermannplatz, umgeben von einigen anderen müden Nachtgestalten. Schweigend warten wir auf die Weiterfahrt. Ein Mann bleibt vor der offenen Bustür stehen und fragt den Fahrer: "Wo fährt dieser Bus denn genau lang?" "Links die Karl-Marx-Straße runter und dann immer weiter bis nach Rudow", antwortet der Fahrer. Der Mann streicht sich nachdenklich übers Kinn. "Hm, da wohn ich aber gar nicht." Der Busfahrer weiß Rat: "Tja, musste umziehn, Alter."


Sonnabend, zwischen 14.00 und 17.00 Uhr, U-Bahn Linie 8, Mitte

Samstagnachmittag in der U-Bahn-Linie 8: Gedankenverloren sitzen die Fahrgäste auf langen Reihen nebeneinander. Plötzlich klingelt ein Handy. Die junge Frau, zu der es gehört, meldet sich: "Hallo?" Einige Sekunden lang lauscht sie ihrem unsichtbaren Gesprächspartner, dann sagt sie: "Das geht leider nicht. Ich bin gerade in Dresden." Interessiert schwenkt der Kopf ihres Platznachbarn zu ihr herum, doch sie beachtet ihn nicht. Als sie sich drei Stunden und einen ausgedehnten Einkaufsbummel später in derselben U-Bahn wieder begegnen, erkennt der Mann sie sofort. Er quetscht sich auf den Sitz neben ihr, schaut eine Weile zu, wie sie ihre Einkäufe sortiert und sagt dann: "Na, zurück aus Dresden?"

Dienstag, 15.00 Uhr, Grunewaldstraße, Schöneberg

Ein Knirps von ungefähr vier Jahren radelt auf seinem Dreirad den Bürgersteig entlang. Plötzlich ¸berkommt ihn offenbar ein menschliches Bedürfnis. Ohne zu zögern, steigt er vom Rad, stellt sich vor das Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts, lässt die Hose herunter und pinkelt ausgiebig. Die Ladenbesitzerin bemerkt ihn und tritt aus der Tür. "Konntest Du nicht wenigstens an den nächsten Baum gehen?", fragt sie ihn. Empört schaut er zu ihr auf und antwortet: "Ich bin doch kein Hund!"


Sonntagnachmittag, vor dem Urban-Krankenhaus, Kreuzberg

Auf einer Parkbank sitzen zwei Frauen. "Ach", klagt die eine, "das Leben ist manchmal ganz schön hart." "Wohl wahr", pflichtet die andere ihr bei. "Ich wünsch mir auch oft, jemand anders würde meines für mich weiter leben." Ihre Gesprächspartnerin sinniert ein Weilchen vor sich hin und antwortet dann: "Ja, aber wer will schon so angefangene Sachen?"